Standpunkt von Reply: Reality Check für die deutsche Fertigungsindustrie

Die Fertigungsindustrie – und hier insbesondere die mittelständisch geprägte – ist besser als ihr Ruf. Jedenfalls, wenn es um die Adaption und Nutzung von Industrie 4.0-Technologien geht. Tatsächlich befassen sich heute bereits viele mittelständische Fertigungsbetriebe mit entsprechenden Projekten, wenn auch auf sehr unterschiedlichem Niveau. Richtig ist aber auch: Es gibt noch Vorbehalte und Skepsis gegenüber der „digitalen Revolution“ in der Fertigung.
Die Studie „Reality Check für die deutsche Fertigungsindustrie“ von Reply identifiziert sechs grundlegende Vorbehalte und Fehlurteile, die im Mittelstand zu finden sind:

Industrie 4.0 ist vor allem ein Thema für Großunternehmen

Statt „nur“ schneller arbeiten zu können, bieten IoT-Technologien auch die Möglichkeit, gleichzeitig präziser arbeiten zu können – unverzichtbar im internationalen Wettbewerb. Künftig kommt die Möglichkeit, neue Services und Mehrwerte zu kreieren, als weiteres entscheidendes Kriterium hinzu. Auch die Anpassungsfähigkeit an schnell entstehende neue Situationen ist maßgeblich. So kann der Mittelstand mit den großen Konzernen mithalten.

Industrie 4.0 ist eigentlich gar nichts Neues – und wird doch schon lange genutzt

Wer unter Industrie 4.0 hauptsächlich eine automatisierte Produktion im Rahmen eines lokalen MES versteht, kann zu diesem Schluss kommen. Doch geht Industrie 4.0 deutlich weiter. Anders als bei herkömmlichen MES werden Daten aus unterschiedlichen Quellen gesammelt, korreliert und analysiert. Darüber hinaus zeigt die Studie, dass – nach Kosteneinsparungen und Effizienzgewinnen (64%) – Verbesserungen in der Lieferkette sowie neue Services und Geschäftsmodelle mit deutlich über 50% weit oben auf der Prioritätenliste der Unternehmen stehen
Ein Big Data-basiertes Verständnis von Fertigungsanlagen sowie die Fähigkeit zu Predictive Maintenance bringt (noch) einen Wettbewerbsvorteil, wird aber bald schon zum Standardkriterium. Derzeit setzen viele Unternehmen auf Connectivity, nutzen die Daten aber nicht methodisch. Immer noch steht vielerorts die reine Effizienzsteigerung im Fokus, was den Blick auf das „wahre Wesen“ von Industrie 4.0 teilweise verstellt.




Industrie 4.0 erfordert zeitaufwändige, komplexe und mühsame Projekte

Hohe Investitionen sowie schwierige und langwierige Projekte machen die Industrie 4.0-Implementierung gerade für Mittelständler zur Herausforderung. Auch der (fehlende?) Datenschutz spielt eine Rolle. Daneben gibt es weitere Vorbehalte in punkto Aufwand und Risiken.

Datensicherheit: für 69% des Mittelstands eine große Herausforderung (Großunternehmen: 57%)
Kosten de IoT-Lösungen: für 48% des Mittelstands eine große Herausforderung (Großunternehmen: 29%)
Kosten der IoT-Einführung für 38% des Mittelstands eine große Herausforderung (Großunternehmen: 57%)
Veränderungen in der Unternehmenskultur: für 38% des Mittelstands eine große Herausforderung (Großunternehmen: 67%)
Mangel an Data Scientists und Analytics-Experten: für 31% des Mittelstands eine große Herausforderung (Großunternehmen: 38%)

Wie sich zeigt, sind die Mittelständler lediglich bei der Datensicherheit und den Kosten für IoT-Lösungen skeptischer als die Konzerne. Dabei setzen erfolgreiche Mittelständler vermehrt auf kleinere Projekte inklusive Cloud-Lösungen. Auch Outsourcing-Initiativen haben sich als sinnreich erwiesen – ebenso wie intelligente Investitionen in entsprechend qualifizierte Mitarbeiter. Mittelständler haben oft einzigartige Prozesse, für die sich Standardlösungen nicht eignen Individuelle Prozessgestaltung ist ein Markenzeichen vieler innovativer Mittelständler.

Ihre Befürchtung: Standardisierte (IoT-)Lösungen können solche Prozesse nicht abbilden oder verursachen bei der Anpassung zu hohe Kosten. Experten halten dagegen: Individuelle Softwareentwicklungen an den Schnittstellen können für Abhilfe sorgen SDKs bieten die nötige Flexibilität zur Integration von Unternehmensanwendungen in der Cloud-Umgebung SaaS-IoT-Plattformen stellen Funktionen zur Maschinenanbindung, Datenspeicherung, Analyse, ferner für das Reporting, die Dokumentation und die Automatisierung zur Verfügung Standardbaukästen für die Cloud-Nutzung und Datenhaltung helfen bei der Entwicklung von Innovationen. Entscheidend ist der zielgerichtete Umgang mit Daten.

Industrie 4.0 bedeutet vor allem Kostensenkung in der Produktion

Für 86% der Mittelständler sind Kostensenkungen das entscheidende Argument. Doch kann Industrie 4.0 deutlich mehr. Zu den weiteren Vorteilen gehören unter anderem: Neue Umsatzquellen und Geschäftsmodelle, Wettbewerbsvorteile, Sensorik, Connectivity, Mobility, Cloud und Analytics machen den Weg frei für eine „Servitization“ des Produktgeschäfts mit neuen Dienstleistungen wie etwa nutzungsabhängigen Betriebsmodellen. Denkbar wären auch Plug & Play-fähige Anlagen, die sich schnell integrieren lassen und schneller an veränderte Kundenanforderungen angepasst werden.

Industrie 4.0 funktioniert nur mit der Cloud – und die ist unsicher

Dass Daten in der Cloud unsicher sind, ist wenig allgemeingültig. Zwar ist „die Cloud“ für Hacker sehr verlockend, aber auch besonders gut geschützt – mit den aktuellsten Abwehrtechniken. Dennoch sollte stets fallweise entschieden werden, ob die Cloud als Datenlagerungs-Ort in Anspruch genommen werden sollte. Der Trend geht zur hybriden Cloud-Installation, ergänzt um ein Edge Device oder ein Gateway. Die Rechenzentren von in Deutschland aktiven Anbietern befinden sich in der Regel auch in Deutschland und sind umfassend geschützt und abgesichert.

Grundsätzlich gilt: Cloud Computing ist keine zwingende Voraussetzung für eine Industrie 4.0-Umgebung, aber es vereinfacht den Start und sorgt für Flexibilität wie auch Agilität. Insgesamt zeigt die Studie, dass – entgegen mancher gegenteiligen Annahme – der deutsche Mittelstand gar nicht so schlecht dasteht, wenn es um die Adaption von IoT und Industrie 4.0 geht. Die gängigsten Befürchtungen und Vorurteile lassen sich schnell und überzeugen widerlegen bzw. entkräften. Damit ist der Weg (theoretisch) frei für die umfassende Transformation des gemeinhin als besonders innovativ geltenden Mittelstands mit seinen zahlreichen „Hidden Champions“.

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